BIRTE BOSSE, Kleeopathos, Feburary 2 – April 25

Installation view: Birte Bosse, 'Kleeopathos', 560 x 240 x 235 cm, 6 mm steel, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Installation view: Birte Bosse, 'Kleeopathos', 560 x 240 x 235 cm, 6 mm steel, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Detail: Birte Bosse, 'Kleeopathos', 6 mm steel
Installation view: Birte Bosse, 'Kleeopathos', 560 x 240 x 235 cm, 6 mm steel, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021

Den Strichen einer Zeichnung gleich verlaufen feine Linien wirr durch den Raum. Sie nähern sich bis sie sich fast berühren, entfernen sich wieder um sich später zu kreuzen und dieses choreographische Spiel von Neuem durchzuführen. Der Tanz, den die Linien vollführen, schließt immer wieder Formen und Flächen der Umgebung ein. Künstlerin der skulpturalen Installation ist die in Berlin lebende Birte Bosse (*1984), deren Arbeit unter der kuratorischen Leitung von Nina Mielcarczyk zum ersten Mal in Leipzig zu sehen ist. Der Ursprung der Installationen Bosses liegt in der Zeichnung; eine flüchtige Skizze dient als Grundlage der Skulptur. Diese übersetzt sie vom zweidimensionalen Papier in einen dreidimensionalen Raum. Indem sie die Bleistiftlinien der Zeichnung durch Stahlrohre ersetzt. Das Intuitive des Gezeichneten, welches durch die spontane Geste Ausdruck findet und durch die unkomplizierte Nutzung des Bleistiftes ermöglicht wird, überträgt die Künstlerin in die Skulptur, die trotz ihrer monumentalen Größe frei und luftig erscheint und eine kindlich spielerische Leichtigkeit entstehen lässt. Die Eigenschaften des Stahls, den Bosse für ihre Skulpturen nutzt, spielen eine wesentliche Rolle für das Werk und den Schaffungsprozess. Die nur wenige Millimeter dicken, unbehandelten Stahlrohre erlauben der Künstlerin das Material durch eigene Körperkraft zu biegen und zu formen; ohne dabei auf sonstige Hilfsmittel zurückgreifen zu müssen und so autark, frei und mobil arbeiten zu können. So gelingt es Bosse der Arbeitsweise ihrer intuitiven und durch Gesten geprägten Zeichnung möglichst nahe zu kommen. Der nicht vorhandene Schutz des Stahls sorgt dafür, dass sich die Skulptur durch Witterungen und Umwelteinflüsse, (denen sie ausgesetzt ist) mit der Zeit verändert. Die Farbe variiert, die einst glatte Struktur wird brüchig und porös. Die Grundeigenschaften, die durch die Künstlerin festgelegt wurden, entwickeln sich ungehindert und autonom zu einem unbekannten Resultat. Somit wirkt dieser Prozess über das Handeln der Künstlerin hinaus. Der Stahl reflektiert und zitiert zudem die Identität des hiesigen Ortes. Das Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig steht als Denkmal für die Industrialisierung unserer Gesellschaft und den technologischen Fortschritt, für die der Stahl durch Beständigkeit bei gleichzeitiger Formbarkeit eines der essentiellen Materialien war und ohne den diese radikale Umgestaltung der Lebenswelt der letzten 200 Jahre nicht zu denken ist.

Text: Leo Wedepohl