Galeriehaus Hamburg
Klosterwall 13
20095 Hamburg
Dienstag—Freitag: 14 — 18 Uhr
Samstag: 12 — 16 Uhr
27.6. – 18.7.2026
Für ihre erste Solo-Ausstellung in unserer Galerie ‘Habitat’, vertieft Lu Cheng ihre Untersuchungen hybrider Beziehungen zwischen Räumen und Körpern — oder vielleicht Organismen und Objekten — um die Trennschärfe dieser Begriffe kritisch zu befragen. Ihre Skulpturen vereinen dabei ästhetische Einflüsse aus dem Architektonischen, Organischen und Künstlichen, um derart einen verfremdenden Effekt zu bewirken, der die Betrachtenden in Reflexion zurückwerfen soll. Denn Chengs Mischwesen, pseudo-natural objects vielleicht, verwehren sich eindeutiger Lesarten, verbleiben aber stets in einer anziehenden, wie unheimlichen Vertrautheit der Formen. Da diese vermeintliche Bekanntheit, das falsche Wiedererkennen, jedoch selbst nie ganz eingelöst werden kann, legt Cheng so die Schichten ambivalenter Spannungsfelder um die Misch-Körper frei.
Um dies zu erreichen, tritt die interdisziplinäre Künstlerin auch in ein intensives Zusammenspiel mit dem eigenen Arbeitsprozess. In einer wahrlich delirischen Wiederholung formt Cheng die unzähligen Einzelteile der Werke von Hand, bis diese ihre eigene Wachstumsstruktur entwickeln, sich schließlich wie von selbst zu den kleingliedrigen Gestalten zusammensetzen: eine endlose Reihe derselben Handgriffe, derselben haptischen Erfahrung. Im Interview sagt Cheng mir: “I can’t work with machines. That would be really bad.” Es ist wohl auch dieser Umgang mit körperlichem Widerstand, sich dem Widersetzen des eigenen Körpers zu widersetzen — selber geformt zu werden und zu verändern in den langen Stunden im Atelier, im Feuer und Schlamm der Arbeit — der ganz essenziell für Chengs Arbeit ist. Eine Notiz der Künstlerin im Nachhinein: “Mich interessiert ein Zustand des Werdens (becoming): die Vorstellung, dass die Dinge zu dem werden, was sie sind, […] Räume selbst zu fließenden Körpern werden können.”
Durch diesen besessenen Ansatz der Tonarbeit, treten auch materielle Widersprüche hervor: vervielfachte Unikate, widerständige Fragilität, weiche Härte, heiße Nässe, fixiertes Wachstum, ja, regungslose Spannung, Qualitäten, die sich speziell im Ton aufheben lassen. Für Cheng ist es Teil einer Haltung, die sie als “against Leistungs-gesellschaft” beschreibt, oder an anderer Stelle scherzt: “A lot of artists are addicted to their exhaustion. I already think of doing my Steuererklärung once this exhibition is over.”
Wie auch die Titel bezeugen, ist einer der Ausgangspunkte Chengs die intensive Auseinandersetzung mit der Natur: Ranken, Sprossen, Reben, Wurzeln — alles, was sich bei Karl Blossfeldts morphologischen Betrachtungen wiederfinden würde —, Federn, Anemonententakel, Schwämme, Stachelschweine, Fell, doch ebenso Brücken, Portale, Bögen, Terrassen, etc. Diese Ästhetiken werden dann von Cheng aufgetrennt, zerlegt und neu zusammengefügt, bis das beschriebene Spannungsfeld entsteht, die Formen sich finden, um sie schließlich in Keramik zu brennen. Es scheint folgerichtig, dass sie im Gespräch in einen Exkurs über Mary Shelleys Frankenstein verfällt.
Neue Farben haben Einzug in die Skulpturen gehalten; roter und brauner Ton, die nahbarer und wärmer wirken als die ausnahmslos schwarzen Skulpturen vorheriger Arbeiten. “Terracotta is a human material”, sagt Cheng dazu, auf ihren vertieften Fokus der Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Habitaten verweisend.
Cheng verlagert mit dieser neuen Werkserie die Wahrnehmung, allzu oft in menschlichen Dimensionen gefangen, auf die Abläufe und Verwandlungen nichtmenschlicher Akteur*Innen. Wie viel Raum nehmen sie ein, und wie viel wir? Was bedeutet Invasivität genau? Was ist der Unterschied zwischen Verdrängung und Migration? Inwiefern verhält sich das Nichtlebendige zu diesen Begriffen? Wie lange dauert es eigentlich, bis alle diese Tonstacheln gebrannt sind? Die Skulpturen selbst geben keine direkten Antworten, lassen auch nie ganz los. Im Unwissbaren findet Cheng Verständnis für die inneren Prozesse von Velozität, Feuchtigkeit und Gravitation ihrer Mischkörper. Je länger wir also vor ihnen grübeln, den Raum teilen, desto mehr lässt sich dahinter das leere Auge der Natur selbst wieder entdecken, das selber kein Verhältnis zu uns trägt.
TEXT: Fredi Thiele