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NINA MIELCARCZYK

Gemma Solà Sotos
Spit and Clouds

7.2. – 7.3.2026

Ausstellungsansicht: Gemma Solá Sotos, Spit and Clouds 2026, Nina Mielcarczyk,Hamburg

“It is even more difficult to predict the past than the future.” - The Future of Nostalgia, Svetlana Boym

Seitdem unsere Galerie im vergangenen Sommer Gemma Solà Sotos’ Gemälde im Rahmen der Gruppenausstellung Caramel Cats zuletzt zeigte, hat sich ihre Arbeit gewandelt. Für die Eröffnungsausstellung in unseren neuen Räumlichkeiten hier in Hamburg fühlen wir, die Galerie Nina Mielcarczyk, uns geehrt, eine derart aufstrebende Künstlerin vorzustellen. In Spit and Clouds macht sich Sotos daran, das allgegenwärtige Beobachtungsobjekt ihrer Arbeit weiter zu entwickeln – die fließende Grenze zwischen Erinnerung und Fantasie. 

Sotos' Schaffensprozess basiert auf ihrem Vertrauen in die Intuition; sie geht instinktiv, fast körperlich mit ihren Leinwänden um, konstruiert und dekonstruiert sie immer wieder und wieder, Schicht für Schicht, sorgfältig, bis die Korrekturen nicht mehr von den Anfängen zu unterscheiden sind und jeder „Fehler” von den anderen Elementen umschlungen wurde. Durch dieses Push and Pull archiviert sie Gedanken, Eindrücke und Erfahrungen in den Gemälden und macht sie zu Gefäßen für gelebtes Leben. Die tatsächlichen Gefäße auf den Leinwänden – die typischen leeren Gläser, aber auch die neueren kargen Hintergründe – verdoppeln diese Reziprozität. Sowohl das Bild als auch das Gemälde fungieren gleichzeitig als Botschaft und Träger. Das war schon immer so, aber dennoch fühlt sich jetzt etwas anders an.

In Spit and Clouds fällt eine Verschiebung hin zu mehr collagierten, fragmentierten Kompositionen auf, die eine beinahe anekdotische Struktur der Leinwand hervorrufen. Einige Einträge von Sotos’ symbolischem Lexikon sind zurück: die erwähnten Gläser, aber auch die Tiere und Blumen aus früheren Werken. Wortwörtlich neue Gesichter sind die Menschen, welche begonnen haben, die seltsamen Welten zu bevölkern, welche Sotos' Geist entspringen. Diese lesbaren Figuren dienen ihr als Ausgangspunkt, um die disparaten Visionen halb vergessener Situationen und emotionaler Zustände zu schaffen, die dann miteinander verwoben und verschmiert werden; derweil lösen sich die Landstriche auf und Figuren zerfallen in sich. Irgendwie sind alle Elemente des Werks dringlicher und subtiler zugleich geworden. Mehr denn je lässt Sotos große Intensitäten in einem Augenblick entstehen, nur um sie dann wieder zu nichts werden zu lassen – wie in einem Traum. Diese Sensibilität könnte mit dem zusammenhängen, was die Künstlerin selbst als zentrales Thema dieser Werkserie bezeichnet: Nostalgie. Ein Wort, das in jüngster Zeit stark polarisiert wurde, sowohl als Schmähwort als auch für spirituellen Komfort. Allenfalls zeigt die zeitgenössische Populärkultur eine zunehmende Tendenz zur „exakten“ Nachbildung von Bildern vergangener Zeiten, z.B. Gladiatoren in der Arena, Dinosaurier oder die Aristokratie mittelalterlicher Höfe. Sotos bezieht ihr Verständnis des Begriffs auf Svetlana Boyms Arbeit zu dem Thema (The Future of Nostalgia, 2001), die einen kritischen Unterschied zwischen restaurativer Nostalgie – „das Gefährliche, was Monster erschafft”, wie Sotos es ausdrückt – und reflektierender Nostalgie macht, die auf die Akzeptanz des innewohnenden menschlichen Reflexes abzielt, zurückzublicken – wie Orpheus. In diesem Sinne bedeutet reflektierende Nostalgie eine Offenheit gegenüber der Ambivalenz menschlicher Sehnsucht (und Zugehörigkeit)als natürlicher Abwehrmechanismus, insbesondere in einer zunehmend chaotischen und unvorhersehbaren Gegenwart. Da das Alltagsleben durch digitale Entfremdung und die eskalierenden Auswirkungen kapitalistischer, postkolonialer Ausbeutung zerstückelt wurde, fühlen sich viele Menschen von der rasanten Geschwindigkeit des Fortschritts überschwemmt. Für diese irritierten Seelen dient die restaurative Nostalgie als dringend benötigter Trost für ihre Sehnsucht und lindert ihr Verlustgefühl nach einem vertrauten Zuhause – eines kollektiven Gedächtnis, an das sie sich nie ganz erinnern können.

All diese Dynamiken lassen sich in Vent de Grop beobachten, Sotos' bislang großformatigstem Gemälde. Die Künstlerin beschreibt den Entstehungsprozess als anders als alles, was sie bisher gemacht hat. Nicht nur, dass sie die Komposition vor Beginn der Malerei ausführlich skizzierte (!), sondern das Werk fühlte sich für sie auch „wie eine andere Richtung, wie etwas, das es vorher nicht gab” an. Das Triptychon könnte als Amalgam aller bisherigen Arbeiten von Sotos betrachtet werden und zeugt von den sich erweiternden künstlerischen Horizonten seiner Schöpferin. Es fungiert ebenfalls als Gefäß, Behälter oder Träger der bisher beschriebenen, sich ständig verändernden Zustände des Bewohnens: der ständigen Transformation von Dingen, Identitäten und der Bedeutung selbst. Diese Unfassbarkeit, diese flüchtige, undefinierte Sehnsucht nach etwas, das nie ganz sichtbar werden kann, ist genau das, was diese Gemälde archivieren und durch ihre allgegenwärtige Verschmelzung und Auflösung scheinbarer Gegensätze physisch greifbar machen – Sanftheit und Bedrohung, Intimität und Unbehagen, Vergangenheit und Zukunft. Letztendlich ist es, wie ein russisches Sprichwort sagt und Boym für uns wiederholt: „Es ist schwieriger, die Vergangenheit vorherzusagen als die Zukunft.“

vent de grop, 2026, Acryl auf Leinwand, 180 x 450 cm
spit and clouds, 2025, Acryl auf Leinwand, 160 x 130 cm
a rare magnificenceb will be plucked, 2025, Acryl, Spray, Kohle auf Leinwand 73 x 50 cm
321 stay still, 2025, Acryl, Spray, Kohle auf Leinwand, 73 x 60 cm
matter space roots and vessels, 2025, Acryl, Spray, Kohle auf Leinwand, 140 x 120 cm
supernovas within, 2025, Acryl, Spray, Kohle auf Leinwand, 140 x 120 cm
I check mate you I check mate me, I check mate her I check mate it, I check mate us I check mate them, 2025, Acryl auf Leinwand, 140 x 120 cm
tearful but cheerful, 2025, Kohle auf Papier, ca. 15 x 20 cm, gerahmt 21 x 29 cm
Sota el cel estrellat, 2025, Kohle auf Papier, ca. 15 x 20 cm, gerahmt 21 x 29 cm