Martin Maeller, PRIVAT HORROR, Januar 8 – April 3, 2022

Installation view, Martin Maeller, 'PRIVATE HORROR', 2022, PUBLIC ART SPACE, Leipzig
Installation view, Martin Maeller, 'PRIVATE HORROR', 2022, PUBLIC ART SPACE, Leipzig
Installation view, Martin Maeller, 'PRIVATE HORROR', 2022, PUBLIC ART SPACE, Leipzig

Der Loop
Ein letztes Mal geht er in die Tankstelle am Stadtrand. Drüben, am Nadelwald, bellt ein Hund. Er legt sein Handy auf das Gerät, bezahlt. Die Luft ist abgestanden und warm, das Licht der Neonröhren über der Kasse blendet. Ein Nachtfalter kreist träge über ihm. Als er wieder vor die elektrische Schiebetür tritt, empfindet er die Kühle als wohltuend. Keine Autos. Auf der anderen Straßenseite ein ausgebranntes Bushäuschen, ein Laternenmast reckt fast bis zur Straßenmitte. Dahinter fängt die Dunkelheit an. Seltsamerweise streamt er in der letzten Zeit nur noch Musik, bei der er nichts fühlt. Auch jetzt. Er dreht die Musik ein bisschen lauter. Da steht er nun, im Danach, und erinnert sich an ein Gespräch, das er geführt hat, vor dieser Nacht. Er fragte sie, wie sie sich ein Ende vorstelle, sie antwortete mit einer Gegenfrage: Ob sie sich ein Ende wünsche oder wie ihre Vorstellung aussehe? Er setzt sich in die Ruine des Bushäuschens. Die Zeit steht still, und er denkt daran, was er gestern hätte sagen sollen: Prägt unsere Vorstellung etwa nicht unsere Wünsche? Die Welt ist nicht auf Dauer gestellt, diesen Satz hatte er kürzlich gelesen, vielleicht auf seiner Zugfahrt aus der großen in die kleine Stadt. Wie aus einer Science-Fiction- Geschichte von sterbenden Welten kommt der Satz nun zu ihm. Vielleicht ist das nur ein Klischee, aber er spürt das Gewicht dieser Feststellung. Sie sagte, er sei ein Pessimist. Nein, sagte sie, mehr noch: Er wünsche sich ein Ende, weil er fest daran glaube, dass die Welt ein einziges Absterben ist. Sie sagte, das Ende sei die Erfüllung für ihn. Er entgegnete, die Welt sei doch von Anfang an auf Zerfall ausgelegt. Die langsame Kadaverisierung der Welt. Die Zukunft werde von Ruinen der jüngsten Vergangenheit bestimmt. Der Verkehr rauschte im Hintergrund, an- und abschwellend, als könnte es ewig so weitergehen. Die Lichter der Stadt waren gelblich trüb. Alles war unübersichtlich, schien aber stabil, so wunderschön selbstverständlich. Das Netz der Straßen, die Häuser mit den schlafenden Menschen, die Gehwege und Parks mit den wachen Menschen. Aber er wusste: Der Beweger heißt Zerfall, und er arbeitet nicht im Geheimen. Er sah ihn überall am Werk. Er sagte nichts weiter. Später ging er den Hügel hinab, fischte sein Phone aus der Hosentasche. Er blieb stehen, betrachtete das schwarze Display, entschied sich dann aber dagegen, es zu entsperren. Er ließ das Gerät dunkel wieder in die Tasche gleiten und ging weiter im orangenen Licht der Laternen. Es wechselte sich ab mit dem Leuchten von einem italienischen Schnellrestaurant, wo die letzten Gäste noch auf Hockern an hohen Tischen saßen, dann eine Galerie, ein Waschsalon. Es gab nichts zu verpassen. Er ging, mit geradem Rücken und ohne sich umzudrehen. Aus der Nähe betrachtet, war die schöne Ordnung der Stadt verloren. Er sah Fragmente, Ansichten, kristallin zersplittert. An manchen Stellen waren die Häuser wie Ruinen, an anderen sahen die neuen Häuser auch schon aus wie Ruinen. Bei Nacht sieht die Stadt so anders aus. Die dunklen Fenster und Hauseingänge ziehen seinen Blick an. Seine Gedanken waren wirr gestern. Ja, beantwortete er sich die Frage vom Vorabend, das Streben ist Teil von uns allen. Es durchdringt jede Entität, und jeder Mensch ist eine Welt für sich, die einem Ende zustrebt. In der Tankstelle gegenüber geht das Licht aus, nur das umlaufende Neonband um das große Vordach leuchtet weiter, das Sirren der Falter ist nicht mehr zu hören. Ganz weit im Osten wird der Himmel graublau. Er steht auf, Zeit zu gehen, denkt er und weiß, dass es nicht das letzte Mal war. Morgen wird er wiederkommen.

Text: Philipp Hindahl

The Loop 
He goes to the gas station on the edge of town one last time. Over by the pine forest, a dog is barking. He places his phone on the device and pays. The air is stale and warm, the fluorescent lights above the cash register dazzle him. A moth languidly circles above. As he steps outside the automatic sliding door again, he finds the coolness soothing. No cars. Across the street, a burnt-out bus stop shelter, a lamppost stretches almost to the middle of the road. Beyond that, the darkness begins. Strangely he only streams music lately that makes him feel nothing. Even now. He turns the music up a little louder. There he is, in the aftermath, remembering a conversation he had before that night. He asked her how she imagined an end. She answered with a counter-question: does he want to know whether she wishes for it or her vision of the end? He sits down in the ruins of the bus shelter. Time stands still, and he thinks of what he should have said yesterday: doesn’t our imagination shape our wishes? The world is not made to endure. He read this recently, maybe on the train ride from the big city into the small town. The sentence comes to him now as a half-remembered thought from a science fiction story of dying worlds. Maybe it is a cliché, yet he feels the weight of this statement. She said he was a pessimist. No, she said, more than that: he longs for an end because he believes the world is continuously dying. The end is fulfilment for him, she said. He replied that the world was set up for decay from the very beginning. The slow cadaverisation of the world. The future will be determined by the ruins of the immediate past. The traffic roared, swelling and subsiding as if it could go on forever. The light of the city was a hazy yellow; everything was confusing but stable and beautifully obvious. The network of streets, the houses with their sleeping inhabitants, the sidewalks and parks with the still awake people. But he knew: decay is the great mobilizer, and it does not conceal its work. He saw it everywhere. He said nothing more. Later, he went down the hill and fished his phone out of his pocket. He stopped, looked at the black display, but decided against unlocking it. He let the still dark device slide back into his pocket and continued walking in the orange light of the lanterns. It alternated with the glow of an Italian fast-food joint where the last patrons were still sitting on stools at high tables, then a gallery, a launderette. There was nothing to be missed. He walked with his back straight and without turning around. Up close, the beautiful order of the city was lost. He saw fragments, aspects, crystalline splintered. In some places, the houses were like ruins, in others, the new houses already resembled ruins. At night, the city looks so different. The dark windows and doorways attract his gaze. His thoughts were muddled yesterday. Yes, he answered the question of the previous night, the striving is part of us all. It permeates every entity, and every person is a world unto themselves, striving toward an end. In the gas station across the street, the light goes out. Only the neon strip around the large canopy continues to glow; the buzzing of the moths is not audible anymore. Far to the east, the sky turns a bluish-grey. He gets up. Time to go, he thinks, knowing it won’t be the last time. He will come back tomorrow.

Text: Philipp Hindahl 


Photo: Jamal Cazaré