OLGA JAKOB, Mottenvögel & Sonnenschwärmer, May 1 – July 25

Installation view, Olga Jakob, ‚Mottenvögel&Sonnenschwärmer‘, 500 x 700 x 30 cm, silk paper on fabric, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Installation view: Olga Jakob, ‘Mottenvögel & Sonnenschwärmer‘, 500 x 700 x 30 cm, Silk paper on fabric, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Detail: Olga Jakob, 'Mottenvögel & Sonnenschwärmer, Silk paper on fabrik
Installation view, Olga Jakob, ‚Mottenvögel&Sonnenschwärmer‘, 500 x 700 x 30 cm, silk paper on fabric, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Installation view, Olga Jakob, ‚Mottenvögel&Sonnenschwärmer‘, 500 x 700 x 30 cm, silk paper on fabric, public space Galerie Nina Mielcarczyk, Leipzig, 2021
Detail: Olga Jakob, 'Mottenvögel & Sonnenschwärmer, Silk paper on fabrik
Detail: Olga Jakob, 'Mottenvögel & Sonnenschwärmer, Silk paper on fabrik

Die leichten Tuchbahnen bäumen sich in einem Wechselspiel auf, um dann wieder seicht abzuklingen. Diese Bewegung, angetrieben durch den Wind, erinnert stark an das Wachsen und im Zusammenfall endende Schauspiel einer Welle. Wie eine Mauer grenzen die langen Stoffbahnen einen Raum ein, dessen scheinbare Unüberwindbarkeit bei näherer Betrachtung durch die Leichtigkeit und Transparenz des Materials durchbrochen wird.

Die Installation Mottenvögel & Sonnenschwärmer unter dem freistehenden Dach auf der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig stammt von der Künstlerin Olga Jakob (*1985). Den Stoff, den sie wiederverwendet, beklebt sie mit Seidenpapier und entfernt diesen dann teilweise wieder. Somit entstehen brüchige Flächen und Linien, deren Beschaffenheit nur zum Teil von der Künstlerin kontrolliert werden kann und somit auch Zufallsprodukt ist. Die brüchige Flächen und Linien wandern von den Stoffbahnen auf den Boden und scheinen sich dort organisch auszubreiten. Auch die Tuchbahnen imitieren eine Lebhaftigkeit; indem sie auf Bewegungen ihrer Umwelt aktiv reagieren, werden sie zu feinen Sensoren ihrer Umgebung.

Das Kolorit, sowie die an archaische Symbole erinnernde Rückstände des Seidenpapiers, erinnern an frühmenschliche Ausdrucksformen, wie wir sie in Höhlen auf der ganzen Welt bezeugen können. Diese Entwicklung des menschlichen Gehirns, die vor 70.000 Jahren begann, ist Grundlage jeglichen kreativen und künstlerischen Denkens und somit jeden Fortschritts und wird als kognitive Revolution bezeichnet.

Wiederkehrendes Material in Jakobs Werk ist der Stoff. Zu Kleidung verarbeitet zieht sich diese Erfindung von Anfang an durch die Geschichte der Menschheit und diente damals wie heute nicht nur als Schutz vor äußeren Einflüssen, sondern auch als Ausdrucksform, die Auskunft über Stand, kulturelle Prägungen oder individuelle Haltungen geben kann. Die Installation lässt sich in ihrer Schlichtheit und Würdigung des Materials als urtypische Ausdrucksform und Funktionalität gegen die Schnelllebigkeit modischer Trends lesen, denen hohe Belastungen der Umwelt und die Ausbeutung menschlicher Ressourcen zu Grunde liegen.

Das tägliche Tragen von Kleidung und dessen Nähe zum Körper, vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen, das sich auf die Installation Jakobs überträgt. Sie durchtrennt den Raum und eröffnet dadurch einen Neuen, der nun, auch wenn nur illusionistisch, Schutz bietet und so zu einem Platz der Kommunikation und Interaktion wird. Der hiesige Ort tritt als ehemalige Produktionsstätte für Baumwolltextilien in einen intensiven Dialog mit der Arbeit Jakobs. Im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert wurden hier unter beschwerlichen Bedingungen beständige Stoffe und Textilien hergestellt.

Text: Leo Wedepohl